Theorie und Praxis des Schwärmens!

Der Idee liegt der Gedanke zugrunde, dass auch An- und Abreise bereits ein Teil der Protestchoreographie von Demonstrationen sind. Genau diesen Effekt wollen wir nutzen und verstärken. Am Samstag den 13.11. findet eine Auftaktdemo gegen die Innenministerkonferenz um 14 Uhr und eine Antirepressionsdemo um 18 Uhr statt. Wir werden beide Demos besuchen und uns an deren bestehender Konzeption beteiligen. Wir fordern darüber hinaus aber auch alle auf, sich in der Zeit zwischen den beiden Demonstrationen am eigenständigen Jump and Run Konzept in der Innenstadt zu beteiligen. Unseren Mobilisierungsschwerpunkt sehen wir nicht in einer der beiden Demos, sondern in der gesamten Protestchoreographie an diesem Tag.

Eine Stärke von Jump and Run ist dabei, dass wir es als Idee nicht gänzlich neu erfinden, sondern die Zutaten schon vorhanden sind und nur entsprechend angerichtet werden müssen. Mensch kennt diesen Effekt von der gemeinsamen Anreise bei anderen Demonstrationen. Schon auf dem Weg begegnen uns Leute mit Transparenten, Kostümen oder als größere Gruppen von schwarz gekleideten Leuten, die am Bahnhof angekommen, bereits Parolen rufen.

Schwarmbeschleunigung

Die Bewegung in Form eines Schwarms folgt dabei optimaler Weise keinem klaren Muster oder geradem Weg. Geht keine gerade Linie, sondern Umwege – verläuft sich – kreuzt sich oder findet sich als lautstarke Begrüßung wieder. Der Schwarm teilt sich, wenn er auf sicherheitsarchitektonische Barrieren trifft. Er sorgt allein schon durch die Form seiner Bewegung für Irritation.

Sicherheitsarchitekturen versuchen aus der Stadt einen Raum der Kontrolle herzustellen. Mit der Bewegung selbst, wahrnehmbaren Aktionen und einem physischen sich zeigen wollen diese Repressionen im öffentlichen Alltag sichtbar machen, unsichtbare Grenzlinien in der Stadt markieren und als repressives Muster aufzeigen. Der Schwarm wird den vermeintlich starren Leitplanken des Konsums und der inneren Sicherheit im öffentlichen Raum nicht folgen, und sich dabei im Kreise drehen oder im sprichwörtlichen Sinne durch die Wände gehen.

Die einzelnen Teile des Schwarmes kommen nicht nicht nur auf der Straße von A nach B. Es gibt in Städten auch kleine Gassen, Passagen oder Hintereingänge, die er benutzen kann. Er nutzt die Topographie des Ortes selber, um die Sicherheitsarchitekturen nutzlos auf den Straßen stehen zu lassen, während er selbst in mehr als der Summe seiner Summe voranschreitet und auftaucht.

Schwarmspuren

Der Schwarm hinterlässt dabei Spuren für andere, die nachkommen. Wie bei einem Spaziergang im Schnee können Nachfolgende an den Spuren vorheriger Schwärme navigieren. Konfettischnipsel oder Flugbätter am Boden, Kreideparolen, Farbmarkierungen oder akustische Signale, eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, euch zu orientieren.

Der Schwarm ist ein Ereignis der Zerstreuung, dessen Botschaft lautet: »Wir sind hier, wir sind unterwegs und streunen umher und freuen uns, andere zu treffen, die wie wir die Innenministerkonferenz unsicher machen wollen. Ihr werdet uns ebenso wenig los wie soziale Proteste auf der Straße oder linksradikale Kritik gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wir lassen uns von Innenministern und Polizeiaufgeboten weder illegalisieren noch isolieren noch unsichtbar machen, denn wir sind bereits mitten unter euch und unterwegs. Unterwegs gegen Auslandseinsätze, Abschiebungen, die herrschende Stadtentwicklung, Leerstand oder Castortransporte. Die Sabotage der herrschenden Gewaltverhältnisse, die Entwicklung einer vielfältigen Protestkultur, der kritische Blick in eine Zukunft ohne Kapitalismus und Repression sind und bleiben notwendige Bestandteile einer aufgeklärten Gesellschaft jenseits totalitärer Zustände.«

Wichtig ist dabei: Ob Jump and Run als Ereignis gelingt oder nicht, hängt einerseits an der Breite der Beteiligung, vor allem aber am eigenen Einsatz der Beteiligten. Jump and Run ist ein Mitmachkonzept, das auf Eigendynamik und Interaktivität setzt. Doch echte Interaktivität ensteht nur dort, wo die Einzelnen ein Ereignis nicht passiv betrachten, sondern sich vorbereiten, zum aktiven Teil machen und selbstbewußt die Initiative ergreifen.

Schwarmansichten

Ob ihr euch verkleidet, was ihr mitnehmt, wie ihr euch darstellt, zurückhaltender oder extrovertiert, liegt bei euch und im Rahmen dessen was ihr euch zutraut und worauf ihr Lust habt. Oft gilt dabei die Devise: Weniger ist mehr. Wichtiger als eine spektakuläre Aktion ist mit Selbstbewußtsein zu agieren. Lieber etwas Kleineres vorbereiten und dies auch umsetzen, als an eigenen möglicherweise zu großen Ansprüchen zu scheitern.

Aus vielen Puzzleteilen entsteht bei Jump and Run ein Bild unseres Widerstandes und jede Form des Protestes ist dabei ein wichtiger Beitrag. Ob Konfetti werfen oder was auch immer. Wichtig ist, sich selbst als handelnden Teil zu begreifen und die Straße zum Experimentierfeld unserer Kritik, unseres Widerspruchs und unserer Selbstdarstellung zu machen.

Schwarmentstehung

Der Schwarm startet in Form einer Zerstreuung. Sollten Absperrungen o.ä. vorhanden sein, treffen wir uns hinter diesen auf Innenstadtseite, um von dort zur Auftaktkundgebung auf den Gänsemarkt zu gelangen um an der Demonstration gegen Polizeigewalt und staatliche Repression teilzunehmen.

ak urban swarming

Squat this City!

Aufruf zur Innenministerkonferenz und der Leerstand zu Wohnraumdemo

Bericht von der Demonstration

Das Schwarmprinzip

In einem Schwarm sind alle gleich, es gibt keine Führungsfigur und somit auch keine Hierarchien. Dennoch bildet sich ohne zentrale Steuerung eine Einheit, die sich schnell formiert und flexibel und koordiniert handeln kann. Kein Mitglied des Schwarmes überblickt dabei das Ganze, trotzdem ist die Gemeinschaft in der Lage, effizient Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen. Ein jedes Mitglied hält sich lediglich an ein paar wenige elementare Regeln:

Bleibe in Bewegung, bleibe in der Gruppe und fliehe vor dem Feind.

Bewege dich dabei in der Durchschnittsrichtung und Geschwindigkeit deiner Nachbarn_innen. Zusätzlich zu den allgemeinen Regeln, hat jeder Schwarm zusätzlich eigene Regeln. Die gemeinsame Leistung übersteigt dabei die Fähigkeiten eines jeden Individuums, Schwarmintelligenz entsteht.

Jump and Run – Urban Swarming

Am 13.11. wird es das neuartige „Jump and Run“-Konzept geben. Jump and Run verknüpft die Idee des Schwärmens mit politischen Inhalten. Die Stadt soll in einem Zeitfenster in Form einer Schwarmbewegung durchkreuzt werden um unsichtbare Linien der Repression und Sicherheitsarchitekturen deutlich zu machen. Dieses Konzept setzt einerseits auf die spontanen Wechselwirkungen von Zerstreuung, Masse, Sichtbarkeit und Bewegungsdynamik, soll andererseits aber auch Raum für vorbereitete Aktionen bieten. Bereits mit kleinsten Mitteln wie Konfetti oder Malkreide könnt ihr dabei Wegmarken setzen für die die nach euch kommen euren Spuren folgen oder andere ungewöhnliche Wege durch die scheinbar statisch festgelegte Ordnung der Stadt wagen.

Hamburg unsicher machen soll im Kontext der Innenministerkonferenz damit nicht nur klassische Formen von Demos und Protest befördern, sondern auch Platz für spontane Installationen, Lesungen im U-Bahnschacht oder kleine Paraden schaffen. Der Raum der Stadt, der durch Beschränkungen von Demonstrationen einem zunehmend ungestörterem Konsum vorbehalten wird, soll damit selbst wieder von der „Einkaufszone“ ein Ort von Widerspruch, gesellschaftlicher Begegnung und Protestkultur werden.

Alle sind eingeladen sich am „Jump and Run“-Konzept mit eigenen Ideen zu beteiligen und mit eigenen Choreographien mitzuwirken. „Jump and Run“ ist eine Leinwand protestualer Inszenierung mit einer Stadt im polizeilichen Ausnahmezustand als surrealem Hintergrund. Welche Farben ihr verwendet und wie ihr sie und euch gestaltet, wie ihr eure Bewegung weiterführt oder auf die Bewegung des Schwarmes einwirkt ist eurer Vorstellungskraft und Begeisterung überlassen.

13. – 19. November 2010 Demos und Aktionstage


Gegen die Innenministerkonferenz, rassistische Flüchtlingspolitik, staatliche Repression und innere Sicherheitsdiskurse

13.11. 14 Uhr Hachmannplatz (Hauptbahnhof): Antirassistische Auftaktdemo

13.11. 18 Uhr Gänsemarkt: Antirepressionsdemo

14.11. Vollversammlung und Vorbereitung 19 Uhr Rote Flora

15.11. Gegen Gentrifizierung und Repression – ein Stadtrundgang 18.30 Uhr Rote Flora

16.11. Knastkundgebung

16.11. 20 Uhr, Rote Flora: Infoveranstaltung mit Genoss_innen aus Dijon – Blick auf Frankreichs Innenpolitik, Abschiebepolitik gegen Roma und Tarnac.

17.11. 17.30 Uhr, Hachmannplatz: Demo von Jugendliche ohne Grenzen (JOG) und antirassistischen Gruppen.

18.11. »Cross the City« Antirepressive Schnitzeljagd.

18.11. 18 Uhr JOG Gala.

18.11. Ab 23 Uhr Subspace Soli-Party in der Roten Flora.

19.11. Abschlussaktionen

Die ganze Woche über gibt es einen Info-Punkt und Voküs.

Orte und Architekturen der Repression durchkreuzen

Samstag 13.11.2010 JUMP AND RUN - DEMO [AKTION] RAUM gegen die Innenministerkonferenz in Hamburg .

Städte sind nicht nur durchzogen von Mauern und Straßen, sondern auch von Repression. Wie unsichtbare Linien durchkreuzt diese Gewalt die Plätze und Gebäude, die uns umgeben. Wir wollen diese Sicherheitsarchitektur unterwandern und sichtbar machen, indem wir uns auf ungewöhnliche und abwegige Weise durch sie hindurch bewegen.

In Folge des G8 Gipfels wurde im Rahmen einer bundesweiten Antirepressionsdemonstration das »Out of Control«-Konzept entwickelt, um der zunehmenden Repression auf Demonstrationen neue Strategien entgegen zu setzen. Das Konzept setzte darauf Polizeispaliere, ins Leere laufen zu lassen, indem sich Teile der Demo bewusst außerhalb dieser und abseits der Demo bewegen. Mit »Jump and Run« wollen wir nun im Zusammenhang der Proteste gegen die Innenministerkonferenz alle einladen, dieses Konzept weiterzuentwickeln und sich aktiv zu beteiligen.

Wir wollen am Samstag den 13.11. die Proteste gegen die Innenministerkonfernz nicht nur auf die übliche Weise begleiten und an Demonstrationen teilnehmen, sondern uns auch als neue Form von Protest, als aufgfächerter Schwarm in gedachten Linien durch die Hamburger Innenstadt bewegen und anschließend wieder treffen.

Die Form dieser Bewegung, die Übertretung von gesetzten Grenzen und das durchkreuzen von verbotenen Räumen, ist Teil der politischen Zielsetzung.

Die freiwerdenen Aktionsräume durch Auffächerung von Aktivist_innen und das daraus resultierende visuelle Chaos sind ein symbolisches Mittel, um repressive Versuche der räumlichen Kontrolle zu untergraben.

Wir begreifen das Terrain der Stadt als eines der Bewegung und Veränderung.Staatliche Repression durchzieht diese Bewegungsräume durch Gebietsverbote, Polizeisperren oder Auflagen. Die Privatisierung des öffentlichen Raumes, Sicherheitsdienste, Einkaufspassagen und Kameraüberwachung kompletieren die Architektur der Kontrolle. Wir durchbrechen dieses Raster, indem wir den von uns gewählten Weg durch die Stadt, als Zerstreuung in loser Formation über Umwege, Schlangenlinien, Passagen oder Hintereingänge weiterführen, Polizeiketten umgehen und sicherheitsarchitektonische Barrieren unterlaufen.

»Jump and Run« fordert ein Recht auf Stadt nicht als abstrakte Form der Legalität, sondern ist bereits dort und durchquert diese als Schwarm des Aufbegehrens und der Unruhe.

Bundesweite Demos und Aktionstage

Am 13. November finden zwei bundesweite Demonstrationen mit unterschiedlichen politischen Schwerpunktsetzungen als Auftakt für die weiteren Proteste gegen die Innenministerkonferenz statt. Die erste Demo richtet sich gegen rassistische Flüchtlingspolitik, Abschiebungen und die Residenzpflicht. Die zweite gegen den Extremismusdiskurs und zunehmende Repression. Wir wollen, mit »Jump and Run« als eigenständige Aktionsform die Demonstrationen inhaltlich und politisch verknüpfen

»Jump and Run« bedeutet kunstvoll und kreativ in Form einer Zerstreuung durch die City zu ziehen.
Wir stellen damit der polizeilichen Praxis, das Demonstrationrecht zunehmend außer Kraft zu setzen einen Wechsel von Form, Ausdruck und Strategie entgegen. Der Tag stellt eine Fusion unterschiedlicher Protestformen dar: Bunter Demonstrationszug. Auflösung in eine undefinierbare Gemengelage. Mit dem Strom schwimmen und unkontrollierbare Unruhe durch Zerstreuung. Wiedertreffen an Kristallisationspunkten.
Offensive, geschlossene, schwarze Blockdemonstrationen. Dazwischen und darum herum niedrigschwelliger Aktions-Freiraum für Aktivist_innen. Wir sind uns bewusst, das die Repressionsorgane vermutlich versuchen werden, das Demonstrationsrecht zu beschränken und uns in kontrollierbaren Strömen oder Wanderkesseln zu halten. Wichtig ist, sich der Gefahr von Gewahrsamnahmen, Kesselungen oder sogar Prügeleinsätzen bewusst zu sein. Durch die angemeldeten Demonstrationen und eine fünf-bis-fünfzig-Finger Taktik dazwischen wird dieses Risiko jedoch minimiert. Ziel sind bei „Jump and Run“, wie schon bei „Out of Control“, so wenige Festnahmen wie möglich. Informiert euch über die Demonstrationsrouten und örtlichen Gegebenheiten, überlegt euch was, lasst euch nicht erwischen!

Für eine radikale Kritik der Verhältnisse

Seit Anfang des Jahres läuft eine repressive Kampange gegen linke Gruppen und Strukturen. Im Rahmen einer Extremismusdiskussion, sollen diese politisch isoliert werden. Die Aktualität linksradikaler Gesellschaftsentwürfe wird dabei insgesamt angegriffen. Im Namen eines historisierenden Diskurses, der die deutsche Geschichte als Leidensweg gegenüber austauschbaren „totalitären Ideologien“ betrachtet. Eine Umkehrung von Täter- und Opferperspektive enstpricht dem neuen Selbstverständnis ebenso, wie die Gleichsetzung linker emanzipatorischer Kritik mit Faschismus und Nationalsozialismus. Die Gleichsetzung von links und rechts bedeutet darin nicht nur eine Verharmlosung des Neofaschismus, sondern ist auch Bestandteil der Normalisierung des nicht Normalisierbaren, einer Relativierung der Singularität der Shoa zugunsten neuer deutscher Weltmachtinteressen.

Verteidigt werden soll eine kapitalistische Ordnung, die mittlerweile als alternativlos dargestellt wird. Emanzipatorische Vorstellungen, die dieses autoritäre Wertesystem in Frage stellen, sollen durch die Reduzierung auf eine Legalitätsfrage als bürgerliche Norm, entpolitisiert und unsichtbar gemacht werden. Die Barbarisierung abweichender Lebensentwürfe, die Herstellung von Angstkulissen und Bedrohungsszenarien, trifft alle die in den kapitalistischen Verhältnissen als nicht verwertbar gelten oder sich nicht im Sinne eines reibungslosen Konsums ruhig stellen lassen wollen. Neben Jugendlichen, ärmeren Bevölkerungsschichten, Obdachlosen, der Drogenszene oder Schwarzen, die in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer Hautfarbe als Dealer stigmatisiert werden, sind vor allem Flüchtlinge von dieser Praxis der Ausgrenzung betroffen.

Sie alle werden zu einem gefährlichen Außen verdichtet, zum Rand einer ansonsten zu schützenden Mitte erklärt. Immer mehr Polizei, Überwachung und die Abschaffung rechtlicher Mindeststandards werden dabei aufgeboten. Hubschrauber mit Nachtsichtgeräten kontrollieren Grenzflüsse, in denen Flüchtlinge ertrinken, während andere in ihrer Zelle wie in Dessau verbrennen. Durch Abschiebungen in Frankfurt oder den Einsatz von Brechmitteln in Hamburg umgebracht werden. Staatliche Repression und der kapitalistische Normalbetrieb gehen über Leichen und töten Menschen auf viele Arten. Das System der Sicherheitsarchitektur ist global. Kriege, Hunger und Folter sind keine Unglücksfälle, sondern Konsequenz und Bestandteil dieser Ordnung. Die Welt ist für uns aber kein Markt und die Stadt kein Standort im Wettbewerb.

Das Sein verstimmt das Bewusstsein

Vor unserer Haustür wiederholt sich tagtäglich die gesamte Ungerechtigkeit der Welt. Wir müssen nur die Augen aufmachen und es sehen wollen. Wir essen Tomaten, die dafür sorgen das Menschen woanders verdursten, gehen in Kleidung aus Billiglohnlädern über Gehwegplatten, die von illegalisierten Bauarbeiter_innen verlegt wurden. Damit wir uns angesichts dieser bedrohlichen Zustände trotzdem sicher und wohl fühlen, damit das Elend der Welt nicht sichtbar wird, dafür sorgen Hundertschaften der Polizei. Stellen Platzverweise und Gebietsverbote aus, schikanieren Illegalisierte und schieben Demonstrationen gegen diese ganze Scheiße in Wanderkesseln durch abgelegene Gebiete. Wenn wir nicht mehr bereit sind, diese Zustände mitzutragen, wenn wir etwas tun, damit sich etwas ändert, dann beschreibt dies keine Gewalt oder Bedrohungsszenarien. Im Gegenteil. Es ist ein Versuch, der Allgegenwärtigkeit der Gewalt die Forderung nach globaler Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Luxus für alle entgegenzustellen. Nicht die Menschen haben sich den Bedürfnissen der Ökonomie und der Märkte anzupassen, sondern die Städte und Verhältnisse den widersprüchlichen Bedürfnissen der Menschen.

Supermarktparkplätze sehen überall gleich aus in der Welt.

Es gibt Parkbuchten, Einfahrtsschneisen, Freihaltezonen, Parkscheinautomaten, Kameraüberwachung und Einkaufswagenstellplätze. Alles hat seine Ordnung und seinen Raum. Die Menschen, die sich darin bewegen, sind je nachdem, wie sehr sie in das Geschäftsmodell passen und wieviel Umsatz sie bringen, entweder Kund_innen – oder Störer_innen, die mit einem Bann belegt werden. Supermarktparkplätze beschreiben in vieler Hinsicht die Stadt, wie sie im modernen Standortwettbewerb gedacht und entwickelt wird. Wir wollen uns nicht in einen geschäftigen Alltag einverleiben lassen, der die Städte dieser austauschbaren Konsumarchitektur angleicht. Wir sehen den öffentlichen Raum nicht als Ort, der dazu dient, Kund_innen zu Waren zu beförden oder Waren zu Kund_innen oder möglichst viele Autos auf möglichst geringen Raum zu stapeln. Wir wollen uns auch nicht zum Parkplatzwächter machen, um durch Runde Tische oder sonstige Mitbestimmungsformen daran mitzuarbeiten, wie zwischen all diese funktionalisierten Rollen noch die Menschen selbst mit ihren Widersprüchen passen.

Supermarktparkplätze sehen überall gleich aus in der Welt. Aber wenn wir das Pflaster aufbrechen, die Überwachungskameras abreißen und die Einkaufswagenflotten versenken, können wir sie gestalten, ändern und in andere Formen überführen. Zu einem Park machen, einem Ort des Verweilens oder einfach einer Brachfläche, die den geschäftigen Alltag verspottet.

Vom Block zum Schwärmen und zurück

Wir begegnen der Kriminalisierung und Diskreditierung linksradikaler Inhalte mit „Jump and Run“ nicht durch Anbiederung oder einer Inszenierung unserer „Ungefährlichkeit“, sondern durch ironisierende Überhöhung von Gefahrenpotentialen und sicherheitspolitischen Stereotypen. Ziel ist die Verbindung glamouröser Elemente mit visuellen Ausdrucksformen autonomer Politik. Eine differente Inszenierung zwischen Hasskappe, Barock und Pink and Silver. Ein nach oben offenes, aber vom Ausgangspunkt niedrigschwelliges Ereignis, das Protest, Störungen und direkte Aktionen als unverzichtbare Bestandteile einer gesellschaftlichen Realität jenseits totalitärer Zustände beschreibt.

Wir vertreten die Legitimität radikaler Gesellschaftskritik und autonomer Politikansätze. Im Widerspruch zu den Versuchen, uns gesellschaftlich zu „isolieren“ oder „ächten“, wie in letzter Zeit von Innenministern immer wieder gefordert wird, gehen wir auf die Straße. Wir müssen uns weder anpassen noch integrieren, um anwesend zu sein, und erleben die Forderungen nach einer Isolierung linksradikaler Inhalte als Angriff.

Wir und alle anderen die von herrschender Ausgrenzungslogik betroffen sind, die illegalisiert hier Leben, kein Geld haben oder einfach nicht nach den bestehenden Regeln funktionieren wollen, werden autoritären Phantasien und Verhältnissen immer unseren Widerstand entgegensetzen. Das, was von Medien und Innenministern als „linksextremistische Gewalt“ beschrieben wird, ist für uns der Versuch, ein lebenswertes Leben möglich zu machen und sich gesellschaftlicher Gewalt entgegenzustellen. Dies entsteht nicht aus einer einzelnen linken Identität, sondern aus vielen sich widersprechenden, die chämeleonartig ihr Aussehen wandeln. Wir sind nicht nur Autonome oder Antifaschist_innen, sondern auch melancholisch, surrealistisch oder leidenschaftliche Hedonist_innen. Im Spannungsfeld dieser Differenz soll sich „Jump and Run“ ausdrücken, der entfremdenden Anonymität bürgerlicher Diskurse um „Linksextremismus“ und der unwirklichen Ordnung der Städte entgegenwirken, dem Protest ein Gesicht geben.

Dem Theater der inneren Sicherheit die Bühne stürmen!

Beteiligt euch an der bundesweiten Mobilisierung gegen die Innenministerkonferenz. Kommt zu den Demonstrationen am 13. November nach Hamburg und macht die Stadt zur Bühne einer Inszenierung der Notwendigkeit und Aktualität linksradikaler Kritik am Bestehenden. Kommt zu den darauf folgenden Aktionstagen gegen Repression und unterstützt die bundesweite Demonstration von Flüchtlingsgruppen am Mittwoch dem 17. November. Die Innenminister wollen mit der Konferenz die Gesetze verschärfen, linke Utopien unmöglich machen und staatliche Gewalt als legitimen Zustand darstellen. Wir werden uns organisieren, demonstrieren, zelebrieren, verkleiden, laut sein sein, überall, viele, ein Ereignis wie eine Naturkatastrophe und ihnen diese Suppe gründlich versalzen. Die Zeiten ändern sich, sind in Bewegung und wir sind mitten drin. Aufbegehren, Proteste und Revolten sind unverzichtbar für eine Gesellschaft, die sich weiterentwickelt. Und die Kritik am Bestehenden hat sich noch nie auf ewig eindämmen lassen. Hamburg fluten – Innenministerkonferenzen versenken!

Samstag 13.11.2010 JUMP AND RUN
Durch die Stadt schwärmen!
Raumtheorie, Bewegungslehre, Teilchenbeschleunigung!