Orte und Architekturen der Repression durchkreuzen

Samstag 13.11.2010 JUMP AND RUN - DEMO [AKTION] RAUM gegen die Innenministerkonferenz in Hamburg .

Städte sind nicht nur durchzogen von Mauern und Straßen, sondern auch von Repression. Wie unsichtbare Linien durchkreuzt diese Gewalt die Plätze und Gebäude, die uns umgeben. Wir wollen diese Sicherheitsarchitektur unterwandern und sichtbar machen, indem wir uns auf ungewöhnliche und abwegige Weise durch sie hindurch bewegen.

In Folge des G8 Gipfels wurde im Rahmen einer bundesweiten Antirepressionsdemonstration das »Out of Control«-Konzept entwickelt, um der zunehmenden Repression auf Demonstrationen neue Strategien entgegen zu setzen. Das Konzept setzte darauf Polizeispaliere, ins Leere laufen zu lassen, indem sich Teile der Demo bewusst außerhalb dieser und abseits der Demo bewegen. Mit »Jump and Run« wollen wir nun im Zusammenhang der Proteste gegen die Innenministerkonferenz alle einladen, dieses Konzept weiterzuentwickeln und sich aktiv zu beteiligen.

Wir wollen am Samstag den 13.11. die Proteste gegen die Innenministerkonfernz nicht nur auf die übliche Weise begleiten und an Demonstrationen teilnehmen, sondern uns auch als neue Form von Protest, als aufgfächerter Schwarm in gedachten Linien durch die Hamburger Innenstadt bewegen und anschließend wieder treffen.

Die Form dieser Bewegung, die Übertretung von gesetzten Grenzen und das durchkreuzen von verbotenen Räumen, ist Teil der politischen Zielsetzung.

Die freiwerdenen Aktionsräume durch Auffächerung von Aktivist_innen und das daraus resultierende visuelle Chaos sind ein symbolisches Mittel, um repressive Versuche der räumlichen Kontrolle zu untergraben.

Wir begreifen das Terrain der Stadt als eines der Bewegung und Veränderung.Staatliche Repression durchzieht diese Bewegungsräume durch Gebietsverbote, Polizeisperren oder Auflagen. Die Privatisierung des öffentlichen Raumes, Sicherheitsdienste, Einkaufspassagen und Kameraüberwachung kompletieren die Architektur der Kontrolle. Wir durchbrechen dieses Raster, indem wir den von uns gewählten Weg durch die Stadt, als Zerstreuung in loser Formation über Umwege, Schlangenlinien, Passagen oder Hintereingänge weiterführen, Polizeiketten umgehen und sicherheitsarchitektonische Barrieren unterlaufen.

»Jump and Run« fordert ein Recht auf Stadt nicht als abstrakte Form der Legalität, sondern ist bereits dort und durchquert diese als Schwarm des Aufbegehrens und der Unruhe.

Bundesweite Demos und Aktionstage

Am 13. November finden zwei bundesweite Demonstrationen mit unterschiedlichen politischen Schwerpunktsetzungen als Auftakt für die weiteren Proteste gegen die Innenministerkonferenz statt. Die erste Demo richtet sich gegen rassistische Flüchtlingspolitik, Abschiebungen und die Residenzpflicht. Die zweite gegen den Extremismusdiskurs und zunehmende Repression. Wir wollen, mit »Jump and Run« als eigenständige Aktionsform die Demonstrationen inhaltlich und politisch verknüpfen

»Jump and Run« bedeutet kunstvoll und kreativ in Form einer Zerstreuung durch die City zu ziehen.
Wir stellen damit der polizeilichen Praxis, das Demonstrationrecht zunehmend außer Kraft zu setzen einen Wechsel von Form, Ausdruck und Strategie entgegen. Der Tag stellt eine Fusion unterschiedlicher Protestformen dar: Bunter Demonstrationszug. Auflösung in eine undefinierbare Gemengelage. Mit dem Strom schwimmen und unkontrollierbare Unruhe durch Zerstreuung. Wiedertreffen an Kristallisationspunkten.
Offensive, geschlossene, schwarze Blockdemonstrationen. Dazwischen und darum herum niedrigschwelliger Aktions-Freiraum für Aktivist_innen. Wir sind uns bewusst, das die Repressionsorgane vermutlich versuchen werden, das Demonstrationsrecht zu beschränken und uns in kontrollierbaren Strömen oder Wanderkesseln zu halten. Wichtig ist, sich der Gefahr von Gewahrsamnahmen, Kesselungen oder sogar Prügeleinsätzen bewusst zu sein. Durch die angemeldeten Demonstrationen und eine fünf-bis-fünfzig-Finger Taktik dazwischen wird dieses Risiko jedoch minimiert. Ziel sind bei „Jump and Run“, wie schon bei „Out of Control“, so wenige Festnahmen wie möglich. Informiert euch über die Demonstrationsrouten und örtlichen Gegebenheiten, überlegt euch was, lasst euch nicht erwischen!

Für eine radikale Kritik der Verhältnisse

Seit Anfang des Jahres läuft eine repressive Kampange gegen linke Gruppen und Strukturen. Im Rahmen einer Extremismusdiskussion, sollen diese politisch isoliert werden. Die Aktualität linksradikaler Gesellschaftsentwürfe wird dabei insgesamt angegriffen. Im Namen eines historisierenden Diskurses, der die deutsche Geschichte als Leidensweg gegenüber austauschbaren „totalitären Ideologien“ betrachtet. Eine Umkehrung von Täter- und Opferperspektive enstpricht dem neuen Selbstverständnis ebenso, wie die Gleichsetzung linker emanzipatorischer Kritik mit Faschismus und Nationalsozialismus. Die Gleichsetzung von links und rechts bedeutet darin nicht nur eine Verharmlosung des Neofaschismus, sondern ist auch Bestandteil der Normalisierung des nicht Normalisierbaren, einer Relativierung der Singularität der Shoa zugunsten neuer deutscher Weltmachtinteressen.

Verteidigt werden soll eine kapitalistische Ordnung, die mittlerweile als alternativlos dargestellt wird. Emanzipatorische Vorstellungen, die dieses autoritäre Wertesystem in Frage stellen, sollen durch die Reduzierung auf eine Legalitätsfrage als bürgerliche Norm, entpolitisiert und unsichtbar gemacht werden. Die Barbarisierung abweichender Lebensentwürfe, die Herstellung von Angstkulissen und Bedrohungsszenarien, trifft alle die in den kapitalistischen Verhältnissen als nicht verwertbar gelten oder sich nicht im Sinne eines reibungslosen Konsums ruhig stellen lassen wollen. Neben Jugendlichen, ärmeren Bevölkerungsschichten, Obdachlosen, der Drogenszene oder Schwarzen, die in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer Hautfarbe als Dealer stigmatisiert werden, sind vor allem Flüchtlinge von dieser Praxis der Ausgrenzung betroffen.

Sie alle werden zu einem gefährlichen Außen verdichtet, zum Rand einer ansonsten zu schützenden Mitte erklärt. Immer mehr Polizei, Überwachung und die Abschaffung rechtlicher Mindeststandards werden dabei aufgeboten. Hubschrauber mit Nachtsichtgeräten kontrollieren Grenzflüsse, in denen Flüchtlinge ertrinken, während andere in ihrer Zelle wie in Dessau verbrennen. Durch Abschiebungen in Frankfurt oder den Einsatz von Brechmitteln in Hamburg umgebracht werden. Staatliche Repression und der kapitalistische Normalbetrieb gehen über Leichen und töten Menschen auf viele Arten. Das System der Sicherheitsarchitektur ist global. Kriege, Hunger und Folter sind keine Unglücksfälle, sondern Konsequenz und Bestandteil dieser Ordnung. Die Welt ist für uns aber kein Markt und die Stadt kein Standort im Wettbewerb.

Das Sein verstimmt das Bewusstsein

Vor unserer Haustür wiederholt sich tagtäglich die gesamte Ungerechtigkeit der Welt. Wir müssen nur die Augen aufmachen und es sehen wollen. Wir essen Tomaten, die dafür sorgen das Menschen woanders verdursten, gehen in Kleidung aus Billiglohnlädern über Gehwegplatten, die von illegalisierten Bauarbeiter_innen verlegt wurden. Damit wir uns angesichts dieser bedrohlichen Zustände trotzdem sicher und wohl fühlen, damit das Elend der Welt nicht sichtbar wird, dafür sorgen Hundertschaften der Polizei. Stellen Platzverweise und Gebietsverbote aus, schikanieren Illegalisierte und schieben Demonstrationen gegen diese ganze Scheiße in Wanderkesseln durch abgelegene Gebiete. Wenn wir nicht mehr bereit sind, diese Zustände mitzutragen, wenn wir etwas tun, damit sich etwas ändert, dann beschreibt dies keine Gewalt oder Bedrohungsszenarien. Im Gegenteil. Es ist ein Versuch, der Allgegenwärtigkeit der Gewalt die Forderung nach globaler Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Luxus für alle entgegenzustellen. Nicht die Menschen haben sich den Bedürfnissen der Ökonomie und der Märkte anzupassen, sondern die Städte und Verhältnisse den widersprüchlichen Bedürfnissen der Menschen.

Supermarktparkplätze sehen überall gleich aus in der Welt.

Es gibt Parkbuchten, Einfahrtsschneisen, Freihaltezonen, Parkscheinautomaten, Kameraüberwachung und Einkaufswagenstellplätze. Alles hat seine Ordnung und seinen Raum. Die Menschen, die sich darin bewegen, sind je nachdem, wie sehr sie in das Geschäftsmodell passen und wieviel Umsatz sie bringen, entweder Kund_innen – oder Störer_innen, die mit einem Bann belegt werden. Supermarktparkplätze beschreiben in vieler Hinsicht die Stadt, wie sie im modernen Standortwettbewerb gedacht und entwickelt wird. Wir wollen uns nicht in einen geschäftigen Alltag einverleiben lassen, der die Städte dieser austauschbaren Konsumarchitektur angleicht. Wir sehen den öffentlichen Raum nicht als Ort, der dazu dient, Kund_innen zu Waren zu beförden oder Waren zu Kund_innen oder möglichst viele Autos auf möglichst geringen Raum zu stapeln. Wir wollen uns auch nicht zum Parkplatzwächter machen, um durch Runde Tische oder sonstige Mitbestimmungsformen daran mitzuarbeiten, wie zwischen all diese funktionalisierten Rollen noch die Menschen selbst mit ihren Widersprüchen passen.

Supermarktparkplätze sehen überall gleich aus in der Welt. Aber wenn wir das Pflaster aufbrechen, die Überwachungskameras abreißen und die Einkaufswagenflotten versenken, können wir sie gestalten, ändern und in andere Formen überführen. Zu einem Park machen, einem Ort des Verweilens oder einfach einer Brachfläche, die den geschäftigen Alltag verspottet.

Vom Block zum Schwärmen und zurück

Wir begegnen der Kriminalisierung und Diskreditierung linksradikaler Inhalte mit „Jump and Run“ nicht durch Anbiederung oder einer Inszenierung unserer „Ungefährlichkeit“, sondern durch ironisierende Überhöhung von Gefahrenpotentialen und sicherheitspolitischen Stereotypen. Ziel ist die Verbindung glamouröser Elemente mit visuellen Ausdrucksformen autonomer Politik. Eine differente Inszenierung zwischen Hasskappe, Barock und Pink and Silver. Ein nach oben offenes, aber vom Ausgangspunkt niedrigschwelliges Ereignis, das Protest, Störungen und direkte Aktionen als unverzichtbare Bestandteile einer gesellschaftlichen Realität jenseits totalitärer Zustände beschreibt.

Wir vertreten die Legitimität radikaler Gesellschaftskritik und autonomer Politikansätze. Im Widerspruch zu den Versuchen, uns gesellschaftlich zu „isolieren“ oder „ächten“, wie in letzter Zeit von Innenministern immer wieder gefordert wird, gehen wir auf die Straße. Wir müssen uns weder anpassen noch integrieren, um anwesend zu sein, und erleben die Forderungen nach einer Isolierung linksradikaler Inhalte als Angriff.

Wir und alle anderen die von herrschender Ausgrenzungslogik betroffen sind, die illegalisiert hier Leben, kein Geld haben oder einfach nicht nach den bestehenden Regeln funktionieren wollen, werden autoritären Phantasien und Verhältnissen immer unseren Widerstand entgegensetzen. Das, was von Medien und Innenministern als „linksextremistische Gewalt“ beschrieben wird, ist für uns der Versuch, ein lebenswertes Leben möglich zu machen und sich gesellschaftlicher Gewalt entgegenzustellen. Dies entsteht nicht aus einer einzelnen linken Identität, sondern aus vielen sich widersprechenden, die chämeleonartig ihr Aussehen wandeln. Wir sind nicht nur Autonome oder Antifaschist_innen, sondern auch melancholisch, surrealistisch oder leidenschaftliche Hedonist_innen. Im Spannungsfeld dieser Differenz soll sich „Jump and Run“ ausdrücken, der entfremdenden Anonymität bürgerlicher Diskurse um „Linksextremismus“ und der unwirklichen Ordnung der Städte entgegenwirken, dem Protest ein Gesicht geben.

Dem Theater der inneren Sicherheit die Bühne stürmen!

Beteiligt euch an der bundesweiten Mobilisierung gegen die Innenministerkonferenz. Kommt zu den Demonstrationen am 13. November nach Hamburg und macht die Stadt zur Bühne einer Inszenierung der Notwendigkeit und Aktualität linksradikaler Kritik am Bestehenden. Kommt zu den darauf folgenden Aktionstagen gegen Repression und unterstützt die bundesweite Demonstration von Flüchtlingsgruppen am Mittwoch dem 17. November. Die Innenminister wollen mit der Konferenz die Gesetze verschärfen, linke Utopien unmöglich machen und staatliche Gewalt als legitimen Zustand darstellen. Wir werden uns organisieren, demonstrieren, zelebrieren, verkleiden, laut sein sein, überall, viele, ein Ereignis wie eine Naturkatastrophe und ihnen diese Suppe gründlich versalzen. Die Zeiten ändern sich, sind in Bewegung und wir sind mitten drin. Aufbegehren, Proteste und Revolten sind unverzichtbar für eine Gesellschaft, die sich weiterentwickelt. Und die Kritik am Bestehenden hat sich noch nie auf ewig eindämmen lassen. Hamburg fluten – Innenministerkonferenzen versenken!

Samstag 13.11.2010 JUMP AND RUN
Durch die Stadt schwärmen!
Raumtheorie, Bewegungslehre, Teilchenbeschleunigung!